Das trockene Auge: Sicca-Syndrom

24. Juli 2019
15 Min.

Wenn die Augen brennen, jucken oder gerötet sind und jeder Wimpernschlag schmerzt, können trockene Augen dahinterstecken. Immer mehr Menschen leiden unter dem Sicca-Syndrom (Keratoconjunctivitis sicca). Bei diesem Krankheitsbild ist die Augenoberfläche nur unzureichend mit Tränenflüssigkeit benetzt. Betroffene empfinden das als äußerst unangenehm, die Lebensqualität wird deutlich eingeschränkt. Wir zeigen die Ursachen auf und stellen Ihnen Behandlungsansätze vor.


Überblick:



Trockene Augen – Die Fakten im Blick

Symptome: Gerötete, schmerzhaft juckende oder brennende Augen; „Sandkorn“-Gefühl im Auge

Ursachen & Risikofaktoren: Tränenfilm des Auges zu dünn oder atypisch zusammengesetzt; trockene Luft, Abgase, Medikamente, Hormonschwankungen, Erkrankungen und lange Bildschirmarbeiten als Auslöser

Diagnostik: Anamnese und verschiedene Tests (beispielsweise mittels Spaltlampe, Messung der Tränenfilm-Aufreißzeit oder Schirmer-Test)

Behandlung: Befeuchtende Augentropfen, -gels oder -salben mit Inhaltsstoffen wie Hyaluronsäure

Augentropfen: Möglichst Produkte ohne Konservierungsstoffe und Phosphatlösungen (sollen Inhaltsstoffe vor dem Zerfall schützen); auf leichte Handhabung achten (zum Beispiel aus Pumpflaschen)

Die Sicca-Symptomatik: Ein bisschen mehr als trockene Augen

Sicca-Syndrom: Junge Frau leidet unter trockenen Augen.

Ist die Augenbenetzung gestört, treten typische Symptome auf. Die geröteten Augen jucken, brennen oder stechen. Betroffene leiden oftmals auch unter einem Fremdkörpergefühl im Auge, als wäre Sand auf der Hornhaut. Sind die Augen extrem trocken, kann dies zu Schmerzen bei jedem Wimpernschlag führen. Die Augen schwellen an und teilweise klagen Sicca-Patienten über Trockenheit trotz tränender Augen. Betroffene sind neben den anderen Symptomen außerdem auch anfälliger für Infektionen am Auge.

Ursachen für das Sicca-Syndrom

Beim sogenannten Sicca-Syndrom wird vom Auge zu wenig Flüssigkeit für den Tränenfilm produziert oder dieser Film hat eine veränderte Zusammensetzung. Tränen werden in speziellen Drüsen gebildet, die rund um das Auge angeordnet sind. Sie befeuchten die Augenoberfläche und laufen dann in Tränenkanäle ab, die in die Nasenhöhle führen.

Der Tränenfilm zeichnet sich durch einen komplexen Aufbau aus und besteht aus drei Lagen:

  1. Die Schleimschicht liegt direkt auf der Hornhaut und sorgt für die gleichmäßige Verteilung des Tränenfilms über das Auge.
  2. Die wässrige Schicht enthält Nährstoffe für die Hornhaut und Abwehrstoffe, die Krankheitserreger unschädlich machen.
  3. Ein Fettfilm (Lipidschicht) liegt oben auf und sorgt dafür, dass die anderen beiden Schichten nicht einfach abfließen, sondern auf dem Auge verbleiben.

Sobald die Tränendrüsen zu wenig Tränen bilden, reißt der Tränenfilm auf. Die Hornhaut ist dann ungeschützt und wird weder mit Nährstoffen versorgt, noch können Krankheitserreger abgewehrt werden. Genauso sorgt eine veränderte Zusammensetzung des Tränenfilms (wenn beispielsweise die wässrige Schicht durch warme Heizungsluft im Winter verdunstet) dafür, dass trockene Augen entstehen.

Trockene Augen über Nacht? Zuweilen klagen Betroffene auch früh morgens über das unangenehme Symptom. Das liegt daran, dass nachts die Tränenproduktion verringert ist. Außerdem kann sich die wenige Flüssigkeit nicht so gut verteilen, da die Lider über Stunden geschlossen sind.

Für das nicht selten chronisch verlaufende Syndrom trockener Augen gibt es verschiedene Risikofaktoren. So spielt zum Beispiel das Alter eine entscheidende Rolle. Durch die höhere Lebenserwartung steigt die Zahl der Menschen mit Sicca-Syndrom.1 Begründen lässt sich dies damit, dass im zunehmenden Alter generell weniger Tränenflüssigkeit produziert wird. Hinzu kommt, dass bestimmte Erkrankungen, die im Alter häufiger aufkommen (beispielsweise die Autoimmunerkrankungen Diabetes mellitus oder Rheuma), trockene Augen begünstigen. Auch Frauen in den Wechseljahren leiden wegen der hormonellen Veränderung darunter. Zudem kann ein Vitamin-A-Mangel zu den Beschwerden führen.

Übrigens: Augentrockenheit ist eines der Leitsymptome des Sjögren-Syndroms. Des Weiteren leiden die Betroffenen unter einem trockenen Mund. Bei der Erkrankung greift das Immunsystem körpereigene Zellen an – und zwar die der Tränen- und Speicheldrüsen.

Eine weitere Ursache für das Sicca-Syndrom ist in der Umwelt zu finden. Denn Feinstaub, Zigarettenqualm und Abgase strapazieren die empfindlichen Augen stark. Viele Menschen verbringen zudem viel Zeit an Bildschirmen, ob mit Computerarbeit oder am Smartphone. Eine Erkrankung, die sich aus den dauerhaft gestressten und müden Augen entwickeln kann, ist das Office-Eye-Syndrom. Betroffene blinzeln aufgrund der fokussierten Bildschirmarbeit weniger, wodurch die Tränenflüssigkeit schneller trocknet. Aber auch Klimaanlagen in Wohnräumen oder im Auto führen zum Verdunsten des Tränenfilms.

Zudem begünstigen bestimmte Gruppen von Medikamenten ebenfalls trockene Augen. Zu diesen gehören beispielsweise:

  • Antibabypille (Verhütungsmittel)
  • Psychopharmaka (Medikamente gegen psychische Erkrankungen)
  • Betablocker (Herzmedikamente)
  • Antihistaminika (zur Allergiebehandlung)

Nicht zuletzt klagen Menschen, die regelmäßig Kontaktlinsen tragen, verstärkt über trockene Augen.

Diagnose des Sicca-Syndroms

Durch verschiedene Tests kann der Arzt ermitteln, wie trocken die Augen wirklich sind und eine geeignete Behandlung vorschlagen. Auch wird er der Ursache für das Sicca-Syndrom auf den Grund gehen. Aber im allerersten Schritt nimmt der Mediziner die Krankheitsgeschichte (Anamnese, systematische Patientenbefragung) auf. So ergibt sich meist schon ein genaueres Bild über die Beschwerden. Anschließend stehen mehrere Tests zur Verfügung, um die Augen auf eine Benetzungsstörung zu untersuchen.

Spaltlampe

Mit einer Spaltlampe – einem speziellen Mikroskop – verschafft sich der Augenarzt einen allgemeinen Überblick über den Zustand des trockenen Auges. Eventuell färbt der Mediziner den Tränenfilm ein, um die Augenoberfläche und so die Verteilung der Tränenflüssigkeit genauestens zu untersuchen. Veränderungen des Gewebes, zum Beispiel Rötungen oder verstopfte Tränendrüsen, kann er auf diese Weise feststellen.

Lidkantenparallele Bindehautfalten (LIPCOF)

LIPCOF steht für Lid-Parallel Conjunctival Folds. Damit sind Falten gemeint, die auf der Bindehaut durch erhöhte Reibungskräfte zwischen der Bindehaut und den Lidern entstehen. Patienten mit trockenen Augen haben meist stark ausgeprägte lidkantenparallele Bindehautfalten. Mit der Spaltlampe untersucht der Augenarzt die Bindehaut auf die Falten und ordnet sie auf einer Skala von null (=keine Bindehautfalten) bis vier (=starke Bindehautfalten) ein.

Das Testen der Tränenfilm-Aufreißzeit (F-BUT)

Mit dem Fluorescein-Break Up Time Test (kurz: F-BUT) wird untersucht, wie lange es dauert, bis der Tränenfilm beginnt aufzureißen. Der Test macht sich zunutze, dass trockene Augen sich deutlich von gesunden unterscheiden: Bei allen Menschen wird der Tränenfilm durch regelmäßiges Blinzeln über das Auge verteilt. Bleibt das Auge hingegen für einige Zeit offen, reißt der Tränenfilm irgendwann auf. Genau das passiert bei Patienten mit Sicca-Syndrom viel schneller, als bei Personen, die dieses Augenproblem nicht haben.

Für den Test wird die Tränenflüssigkeit mit Hilfe von speziellen Augentropfen mit dem Farbstoff Fluoreszein angefärbt. Der Augenarzt beobachtet mit der Spaltlampe die Augenoberfläche und stoppt die Zeit, bis der Tränenfilm aufreißt. Der Patient darf in dieser Zeit nicht blinzeln. Die Messung ist mehrmals zu wiederholen und dann ein Mittelwert aus den Messungen zu errechnen.

Schirmer-Test

Der Schirmer-Test bestimmt die Produktion von Tränenflüssigkeit bei trockenen Augen. Dafür legt der Mediziner vorsichtig je ein schmalen Streifen Filterpapier – mit der kurzen Seite – in die unteren Augenlider ein. Dann wird der Patient gebeten, die Augen fünf Minuten geschlossen zu halten.2 Die Filterstreifen saugen in der Zeit Tränenflüssigkeit auf. Je weniger Tränenflüssigkeit das Auge produziert, desto kürzer ist die „Saugstrecke“ des angefeuchteten Papiers. Der Normalwert liegt bei mehr als 10 Millimetern.3 In manchen Fällen wird die Augenoberfläche vor dem Test betäubt, um die Basis-Tränensekretion – ohne Reiztränen aufgrund des reizenden Streifens – zu ermitteln. Der Schirmer-Test kann aber auch nach einer bewussten Reizung der Nasenschleimhaut erfolgen. So wird überprüft, ob überhaupt eine Reflexbefeuchtung des Auges stattfindet.

Weitere Untersuchungsmethoden

Neben den zuvor genannten Untersuchungen gibt es noch folgende weitere Methoden:

  • Lipidinterferenz (Fettanteil in der Tränenflüssigkeit ermitteln)
  • Keratograph (Bestimmung der Oberflächenkrümmung der Hornhaut und Anpassung von Kontaktlinsen)
  • Hornhautsensibilität (Untersuchung der Hornhautbeschaffenheit)
  • Tränenabflusstest (Kontrolle des Tränenflusses)

Mit speziellen Labortests kann zudem die Zusammensetzung der Tränenflüssigkeit untersucht werden. Dazu nimmt der Arzt mit einem kleinen Tupfer ein Abstrich vom Unter- oder Oberlid. Dies gibt Aufschluss darüber, ob ein veränderter Zustand des Tränenfilms das trockene Auge verursacht.

Therapie: Was tun bei trockenen Augen (Sicca-Syndrom)?

Patienten mit einer leichten oder mittelschweren Benetzungsstörung helfen befeuchtende Augentropfen für trockene Augen meist sehr gut. Diese „künstlichen Tränen“ können mehrmals täglich in die Augen getropft werden und sorgen für eine angenehme Befeuchtung. Besonders bewährt haben sich Augentropfen mit dem Inhaltsstoff Hyaluronsäure. Dieses körpereigne Molekül haftet sehr gut auf der Augenoberfläche und sorgt wegen seiner hervorragenden Wasserbindungseigenschaften für eine langanhaltende Befeuchtung.

In schweren Fällen ist eine Therapie mit Geltropfen geeignet. Sie weisen eine hohe Viskosität (Zähflüssigkeit) auf und verbleiben daher extra lange auf der Augenoberfläche. Greifen Sie nachts am besten zu einer Augensalbe. Sie unterstützt die Augen bei der nächtlichen Regeneration und schützt sie vor dem Austrocknen.

Trockenes Auge und Kontaktlinsen?

Viele Menschen, die Kontaktlinsen tragen, kennen das trockene Gefühl im Auge. Denn die Kontaktlinsen „schwimmen“ direkt auf der Hornhaut, was dazu führt, dass sich die Tränenflüssigkeit nur schlecht verteilt. Als Folge daraus ist der Tränenfilm gestört und kann seiner Schutzfunktion nicht mehr vollständig nachkommen. Die Linsen reizen die Augenoberfläche und das unangenehme Gefühl beim Tragen von Kontaktlinsen entsteht. Schlecht ausgewählte Kontaktlinsen (beispielsweise eine falsche Passform) verstärken das trockene Gefühl noch und im schlimmsten Fall entwickelt sich daraus sogar eine Kontaktlinsenunverträglichkeit.

Folgende Punkte sollten bei der Auswahl der Kontaktlinsen beachtet werden

  • hochwertige Linsen auswählen
  • befeuchtende Augentropfen verwenden
  • Linsen nur wenige Stunden tragen
  • Kontaktlinsen gründlich und regelmäßig mit einer speziellen Lösung reinigen
  • In jedem Fall hilft Ihnen Ihr Optiker oder Augenarzt dabei, die richtigen Kontaktlinsen zu finden, sodass sich Ihre trockenen Augen nicht verschlimmern.

    Übrigens: In seltenen Fällen kann auch die Brille für das Sicca-Syndrom verantwortlich gemacht werden. Doch wie ist das ohne direkten Netzhautkontakt möglich? Wenn die Brillenstärke nicht mehr zu Ihrer Sehkraft passt, müssen Sie sich stärker beim Sehen konzentrieren und fokussieren. Das führt dazu, dass Sie weniger blinzeln und die Tränenflüssigkeit schneller verdunstet.

    Augentropfen für trockene Augen: Das sollten Sie beachten

    In der Apotheke steht Ihnen eine große Bandbreite an Augenpflegemitteln zur Verfügung. Ein hochwertiges Produkt erkennen Sie an folgenden Kriterien:

    • Frei von Konservierungsmitteln: Konservierungsmittel belasten die empfindlichen Augen, nachweislich können sie sogar das Krankheitsbild des trockenen Auges verschlechtern.
    • Frei von Phosphat: Phosphatlösungen können zu Hornhautschäden führen. Daraus entwickelt sich nicht selten eine dauerhafte Hornhauttrübung. Wählen Sie besser ein Produkt mit Citratlösung.
    • Empfehlenswerte Inhaltsstoffe: Hyaluronsäure, Dexpanthenol, Euphrasia (Augentrost), Ectoin (wird aus Mikroorganismen gewonnen), Heparin (zuckerähnliche Verbindung, die Wasser bindet und auf der Augenoberfläche hält) und Vitamin A.

    Achten Sie zudem auf eine leichte Handhabung, sodass Sie die Tropfen präzise dosieren können. Auch die Ergiebigkeit ist ein wichtiges Kriterium: Die Augentropfen für trockene Augen unterscheiden sich je nach Hersteller — sowohl bezüglich Haltbarkeit als auch in der abgefüllten Menge. Pumpflaschen zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie die meisten Tropfen abgeben können. Verbunden mit einer langen Haltbarkeit, auch nach dem Öffnen, bieten diese Flaschen meist das beste Preis-Leistungsverhältnis.

    Entscheiden Sie sich nur für Augenpflegeprodukte, die ohne Konservierungsmittel auskommen. Denn diese Stoffe schädigen die empfindliche Hornhaut. Eine Beratung bei Ihrem Arzt oder Apotheker hilft Ihnen, das richtige Produkt auszuwählen.

    Vorbeugend sollten Sie Maßnahmen beachten, die trockene Augen verhindern können:

    • Reduzieren Sie die Nutzungsdauer von Bildschirmen auf ein Minimum, um gestresste Augen zu vermeiden.
    • Halten Sie sich möglichst wenig in klimatisierten Räumen auf, da Klimaanlagen zu trockenen Augen führen können.
    • Achten Sie auf eine gesunde Ernährung, sodass kein Mineralstoffmangel entsteht.
    • Trinken Sie ausreichend, da Flüssigkeit zur Bildung von Tränen gebraucht wird.
    Sabrina Mihlan
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    Medizinredakteurin und Biologin
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