Interview: Augenherpes – ein Fall für den Augenarzt

13. Mai 2019
10 Min.

Herpes, die kleinen Bläschen an der Lippe, kennt jeder. Doch die durch Viren verursachte, ansteckende Infektionskrankheit hat viele Gesichter. So können sich Herpesviren auch im Auge ausbreiten. Symptome wie Lichtempfindlichkeit, brennende, juckende oder gerötete Augen sind für die Betroffenen sehr unangenehm. Warum Augenherpes ein Fall für den Augenarzt ist, weiß Experte Dr. Richard Nagy.

Über den Interviewpartner

Dr. med. Nagy im Interview zum Thema Augenherpes

Dr. med. Richard Nagy, Facharzt für Augenheilkunde, arbeitete bereits in verschiedenen Augenkliniken wie dem Universitätsspital Basel. Nach Auslandsaufenthalten, beispielsweise am Moorfields Eye Hospital in London oder dem Bascom Palmer Eye Institute in Miami, eröffnete er im April 2018 seine eigene Praxis in der Schweiz, das Lux Augenzentrum.

Nagys besonderes Interessensgebiet: die Horn- und Netzhaut des Auges.

Herr Dr. Nagy, was ist Augenherpes?
Augenherpes wird von den gleichen Viren verursacht wie Lippenherpes. Es gibt fünf Herpestypen, die die Augen befallen können: Herpes Simplex Typ I und II, Varizella Zoster Virus sowie seltener das Epstein-Barr-Virus sowie Cytomegalovirus. Neun von zehn Erwachsenen tragen einen Herpesvirus in sich, ohne Beschwerden zu haben. Erst wenn das Immunsystem geschwächt ist, beispielsweise bei bestimmten Erkrankungen oder Stress, werden die Viren aus dem Stand-by-Modus „geweckt“ und Krankheitssymptome sichtbar.

Ist Augenherpes also die Erkrankung, die niemals „so richtig“ schläft?
Ja, das könnte man so sagen. Dass man sich im Kindes- oder Erwachsenenalter durch Schmier- oder Tröpfcheninfektion mit den Herpesviren angesteckt hat, bekommen die wenigsten mit. Die Erstinfektion verläuft in vielen Fällen symptomlos oder mit wenigen Anzeichen. Herpesviren verbleiben lebenslang im Körper, sie schlummern in Nervenknoten, sogenannten Ganglien. Und zwar solange, bis sie durch Faktoren, die das Immunsystem schwächen, beispielsweise UV-Licht, psychische Belastung, hormonelle Schwankungen wie bei der Menstruation, Kälte oder Fieber, wieder aufflammen.

Medizinbegriffe erklärt – kurz und kompakt

Schmierinfektion
  • von Mensch zu Mensch, zum Beispiel wenn eine erkrankte Person einer anderen die Hand schüttelt
  • über Gegenstände wie Türgriffe oder Computertastaturen
Tröpfcheninfektion
  • Ansteckung über die Luft, wenn der Erkrankte winzige Sekrettröpfchen beispielsweise aushustet oder -niest, und gesunde Personen diese einatmen
  • direkter Kontakt wie beim Küssen

Welche Strukturen des Auges sind bei Augenherpes betroffen?
Die genannten Herpestypen können generell alle Teile des Auges befallen und dort eine Entzündung verursachen, also beispielsweise die Augenlider, Bindehaut oder Hornhaut. Augenherpes kann auch die Regenbogenhaut (Iris) befallen, die unter anderem den Lichteinfall ins Auge reguliert.

Symptome wie Rötungen und Juckreiz können auch für andere Erkrankungen wie eine bakterielle Bindehautentzündung stehen. Wie lässt sich Augenherpes abgrenzen?
Das ist tatsächlich sehr schwierig.

Für einen Laien also unmöglich?
Die für Augenherpes häufig typischen Bläschen an den Lidern können Laien noch erkennen. Doch ob – und wenn ja – welche tieferen Augenstrukturen betroffen sind, muss ein Augenarzt feststellen. Bei der herpetischen Hornhautentzündung beispielsweise gibt es verschiedene Typen beziehungsweise Schweregrade: Die epitheliale Entzündung, bei der die oberste Schicht der Hornhaut betroffen ist, sowie die stromale Entzündung. Hier reicht die Infektion bereits in die tiefere Struktur, das Hornhauthauptgewebe.

Das klingt sehr schmerzhaft.
Stimmt, bei herpetischen Entzündungen der Hornhaut haben Patienten starke Schmerzen. Selbst dann, wenn es sich um kleine Läsionen (Verletzungen, Anm. der Redaktion) handelt, denn die Hornhaut enthält circa 7.000 Rezeptoren, also Andockstellen von Zellen, die empfindlich auf Schmerz reagieren.

Wie wird Augenherpes diagnostiziert?
Hier kommt ein wichtiges Untersuchungsinstrument, die sogenannte Spaltlampe ins Spiel, mit der Augenärzte die verschiedenen Strukturen des Auges vergrößert betrachten. Bei oberflächlichen herpetischen Entzündungen sind typischerweise winzige Hornhautgeschwüre, sogenannte Dendriten, zu erkennen. Diese müssen Sie sich wie baumartig verzweigte Wunden auf der Hornhaut vorstellen. Sind diese sichtbar, reicht dies aus, um die Diagnose Hornhautherpes zu stellen. Seltener zeigen sich punktförmige Läsionen auf der Hornhaut, die jedoch nicht zwingend von einem Herpes kommen müssen. Neben der Untersuchung mit der Spaltlampe prüfen wir die Sensibilität der Hornhaut, um einen weiteren Anhaltspunkt für die Diagnose zu erhalten. Dazu berühren wir die Hornhaut beider Augen mit einem Wattestäbchen. Bei einem herpetischen Befall spürt der Patient die Berührung deutlich weniger.

Wie passt das mit den erwähnten Schmerzrezeptoren zusammen?
Stellen Sie sich die Nerven als Autobahn für die Herpesviren vor. Bisher im Nervengeflecht in der Schädelhöhle ruhend, können die Herpesviren bei Reaktivierung entlang der Nervenstränge nach vorne ins Auge, in die Hornhaut, wandern. Die Herpesviren beeinträchtigen dabei die Funktion der Nerven, woraufhin deren Sensibilität sinkt. Man muss unterscheiden: Es gibt schmerzempfindliche Zellen sowie Nervenendungen, die sensibel auf Berührung reagieren.

Warum ist es so wichtig, frühzeitig einen Augenarzt aufzusuchen?
Herpesviren sind in der Lage, zu tieferen Strukturen des Auges vorzudringen und dort zu Komplikationen zu führen. Der Patient erkennt nicht, in welcher Struktur der Herpes eine Entzündung hervorgerufen hat: Ist die Entzündung oberflächlich? Oder ist sie in der Hornhaut oder gar der Regenbogenhaut verortet? Bei allen drei Formen sind die Symptome gleich: Das Auge ist rot, schmerzt und es tritt eine Sehverschlechterung ein. Der Arztbesuch ist auch aus einem weiteren Grund notwendig. Bei einer Regenbogenhautentzündung durch Herpesviren steigt der Augendruck. Viele Patienten bemerken zunächst keinerlei Anzeichen. Doch unbehandelt kann ein erhöhter Augendruck den Sehnerv schädigen.

Herpesviren verursachen also einen hohen Augendruck?
Ja, im Auge gibt es das sogenannte Kammerwasser, das die Linse und Hornhaut mit Nährstoffen versorgt und wichtig ist für die Formerhaltung des Augapfels. Das Kammerwasser wird regelmäßig erneuert, das heißt, das produzierte Kammerwasser muss auch irgendwo wieder abfließen. Nun kommen die Herpesviren ins Spiel. Sie verursachen Schwellungen, die die Abflusslöcher für das Kammerwasser blockieren, woraufhin der Augendruck steigt.

Das Augenherpes ist diagnostiziert, wie geht es weiter?
Eine herpetische Bindehautentzündung heilt ohne ärztliches Zutun. In allen anderen Fällen hängt es davon ab, wo genau im Auge sich die Läsion befindet. Sind die Lider betroffen, verschreibt der Arzt eine Augensalbe mit dem Wirkstoff Aciclovir. Bei einer oberflächlichen Läsion der Hornhaut kommt ebenfalls eine Aciclovir- oder Ganciclovir-Augensalbe zum Einsatz, die der Patient zwei Wochen lang fünfmal am Tag aufträgt. Ist das Hornhauthauptgewebe betroffen, sind kortisonhaltige Augentropfen notwendig, am besten in Kombination mit der Augensalbe. Bei einer diagnostizierten Regenbogenhautentzündung rate ich zu kortisonhaltigen Augentropfen sowie zu Tabletten mit den Wirkstoffen Aciclovir und Valaciclovir, da die tieferen Strukturen des Auges mit Tabletten weitaus effektiver behandelt werden können, als mit Tropfen oder Salben.

Ist die Behandlung unabhängig von den eingangs erwähnten fünf Herpestypen?
Die beschriebenen Therapiemaßnahmen unterscheiden sich in einem Punkt: Beim Varizella Zoster Virus ist die doppelte Dosis an Tabletten bei einer Entzündung der Regenbogenhaut notwendig. Ebenso, wenn sich der Herpesvirus in Form von Bläschen einseitig auf der Stirn oder um die Augenpartie zeigt. Mit den Tabletten versucht man also zum einen, die Viren einzudämmen. Zum anderen gilt es, Spätkomplikationen zu vermeiden, denn: Varizella Zoster Virus kann selbst Monate nach dem Abklingen der Entzündung starke Nervenschmerzen verursachen. Gegen diese sogenannten postherpetischen Neuralgien helfen dann nur spezielle Medikamente gegen Nervenschmerzen.

Muss der Patient zur augenärztlichen Nachsorge?
Der Augenarzt prüft ein- bis zweimal die Woche, ob die Entzündung abklingt. Die Patienten brauchen leider etwas Geduld: Bei Hautläsionen durch den Varizella Zoster Virus kann es bis zu sechs Wochen dauern, bis diese vollständig abgeheilt sind.

Einmal (Augen-)Herpes, immer (Augen-)Herpes – stimmt das?
Wer einmal Augenherpes hatte, kann es erneut bekommen. Schließlich werden die Viren medikamentös zwar daran gehindert, sich zu vermehren, aber nicht abgetötet. Und begünstigende Faktoren wie Stress zu vermeiden, ist ein Rat, der häufig nur in der Theorie funktioniert. Bezüglich der Erkrankungshäufigkeit lassen sich jedoch keine pauschalen Aussagen treffen. Es gibt Patienten, die ein paar Jahre Ruhe hatten, bevor der Augenherpes wiederkam. Bei anderen Betroffenen sind die Abstände der Infektion wesentlich kürzer. Hier rate ich zu einer medikamentösen Vorbeugung, ebenso bei immungeschwächten Patienten, die beispielsweise unter einer Krebserkrankung leiden. Mit der vorsorglichen Behandlung lässt sich das Wiederaufflammen der Erkrankung um 50 Prozent reduzieren. Allerdings müssen die Tabletten monatelang, in schweren Fällen sogar über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren eingenommen werden.

Was kann ich selbst tun, um Augenherpes zu vermeiden?
Die Möglichkeiten sind leider begrenzt. Schließlich erfolgt die Erstinfektion mit dem Herpesvirus durch Schmier- oder Tröpfcheninfektion meist unbemerkt. Generell ist es jedoch sinnvoll, bei Augenherpes allgemeine Hygienemaßnahmen zu ergreifen, beispielsweise ein separates Handtuch benutzen, Kosmetikartikel nicht teilen und Türgriffe desinfizieren.

Herr Dr. Nagy, vielen Dank für das Interview!

Julia Lindert
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Medizinredakteurin
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