Ab wann können Säuglinge sehen? Die Welt mit Kinderaugen betrachten

Das Stupsnäschen, die Pausbacken, der große Mund – es gibt viele gute Gründe, Babys niedlich zu finden. Ganz vorn dabei sind auch die großen Kulleraugen. Dass uns die Baby-Augen so riesig vorkommen, liegt nicht zuletzt an den Proportionen: Im Vergleich zum Kopf wirken Kinderaugen noch größer als die von Erwachsenen, weil die Augen im Gegensatz zum Rest des Körpers von Geburt an schon fast ausgewachsen sind. Doch wie entwickeln sich die Augen im Lauf des Lebens? Und sehen Kinderaugen die Welt wirklich anders?

Große, hellwache Augen eines Babys. Doch ab wann können Säuglinge sehen?

Ab wann können Säuglinge sehen?

Am Anfang ist es dunkel – bis der Nachwuchs im Mutterleib zum ersten Mal seine Augen aufschlägt. Das passiert etwa in der 28. Woche der Schwangerschaft. Allerdings reicht es im kaum beleuchteten Bauch der Mutter nur zu einer Hell-Dunkel-Unterscheidung. Auch wenn das Baby geboren wird, erblickt es das Licht der Welt erst einmal recht verschwommen und unscharf. Immerhin kann es schon Licht, Formen und Bewegungen unterscheiden. Während der ersten Monate sieht der Säugling nur die ersten 20 bis 30 Zentimeter scharf – gerade genug, um das Gesicht desjenigen zu erkennen, der ihn gerade im Arm hält. Auch können die Augen des Kindes in dieser Zeit voneinander unabhängig umherwandern – das liegt daran, dass es noch nicht gelernt hat, die Augen auf ein bestimmtes Objekt zu fixieren.

Babys müssen das Sehen genauso erlernen wie das Sprechen und Laufen. Sie werden nicht mit allen visuellen Fähigkeiten geboren, die sie später im Leben brauchen. Die Fähigkeit, die Augen zu fokussieren, auch weit entfernte Dinge scharf zu sehen und beide Augen als Einheit zu benutzen und zu bewegen, muss erst geübt werden. Auch lernen Säuglinge erst noch, die Sinneseindrücke im Gehirn zu verarbeiten: Im Gehirn werden nicht nur Sinneswahrnehmungen registriert, sie werden auch mit bereits bekannten Seheindrücken abgeglichen . Nur dadurch ist es möglich, bereits Gesehenes wiederzuerkennen. Bei Neugeborenen sind diese Erinnerungsspeicher zunächst leer, alles ist neu und faszinierend.

Wie Kinder die Welt wahrnehmen

Bis der Sehsinn bei Babys voll ausgereift ist, vergeht etwa ein Jahr. In diesen ersten zwölf Monaten lernt es, die Augen zu koordinieren, den Wechsel zwischen Nah- und Fernsicht einzuüben und den Farbsehsinn vollständig auszubilden. Doch die Entwicklung der Babyaugen ist nach dieser ersten Lernetappe noch lange nicht abgeschlossen. So wird beispielsweise der Abstand zwischen beiden Augen im Lauf des Wachstums um durchschnittlich 1,2 Zentimeter größer, die Augen wachsen im Vergleich zum Kopf kaum mehr mit. Neben dem Augenabstand ist auch das Gesichtsfeld bei Kindern noch etwas kleiner als bei Erwachsenen. Das Gesichtsfeld ist der Teil des Raumes, der bei unbewegtem Kopf und Auge wahrgenommen wird, zur Seite hin (Augenwinkel) wird dieser Bereich unscharf. Bei Kindern ist das Gesichtsfeld bis zu 30 Prozent kleiner und entspricht erst im Alter von zehn bis zwölf Jahren dem eines Erwachsenen. Dies hat entscheidenden Einfluss auf die Art, wie Kinderaugen den Raum um sie herum sehen und erleben.

Auf den Blickwinkel kommt es an

Haben Sie als Erwachsener schon einmal einen Ort besucht, an dem Sie seit Ihrer Kindheit nicht mehr gewesen sind? Einen alten Spielplatz etwa, einen Badesee oder auch Ihr Elternhaus? Und hatten Sie die Schaukel, den Weiher und das alte Dachfenster nicht auch viel größer in Erinnerung?

Das liegt hauptsächlich daran, dass wir früher kleiner waren und häufig von unten nach oben blicken mussten. Der Blickwinkel spielt vor allem bei der Wahrnehmung von Größe und Höhe eine wesentliche Rolle. So sieht etwa der Sprungturm im Freibad von unten vielleicht noch überschaubar aus. Beim Blick von oben ins Becken hinunter hat sich der ein oder andere wagemutige Turmspringer allerdings doch noch kurzfristig gegen das Abenteuer des freien Falls entschieden.

Sehen will gelernt sein

Das räumliche Sehen von Kindern ist aber nicht nur aufgrund des Blickwinkels ein anderes als das von Erwachsenen. Um Abstände, Entfernungen, Größen und Geschwindigkeiten einschätzen zu können, muss das beidäugige Sehen (stereoskopisches Sehen), das für die dreidimensionale Wahrnehmung verantwortlich ist, entwickelt werden. Hierfür sind zwei Dinge notwendig: Erstens müssen die motorischen Fähigkeiten des Auges perfektioniert werden, also die Koordination der Augenmuskeln, der Wechsel von Nah- auf Fernsicht und die Ausrichtung der Blickachse auf ein bestimmtes Objekt. Und zweitens müssen im Gehirn die nötigen Erfahrungswerte, Erinnerungen an Gesehenes und Vergleichspunkte gespeichert werden.

Kinder interpretieren beispielsweise den Schattenwurf eines Objektes anders als Erwachsene. Erwachsene haben im Lauf der Zeit gelernt, dass sich der Schatten auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtquelle befindet. Hinzu kommt, dass man als Erwachsener aus Gewohnheit bereits davon ausgeht, dass das Licht von oben auf die Gegenstände fällt (Sonne, Deckenbeleuchtung). Weil dies in den meisten Fällen auch stimmt, fließt dieses ‚Vorurteil‘ in den Wahrnehmungsvorgang mit ein und ermöglicht so eine schnellere Einordnung des Gesehenen. Zur Veranschaulichung soll das folgende Foto eines Sandbunkers auf einem Golfplatz dienen:

Sandbunker mit Schatten

Der Sandbunker wird als Vertiefung wahrgenommen, weil der auf dem Bild auftretende Schatten von oben in den Bunker hineinfällt. Stellt man dasselbe Bild einfach auf den Kopf, sieht es folgendermaßen aus:

Sandbunker mit Schatten auf den Kopf gestellt

Der Sehsinn geht gewohnheitsmäßig davon aus, dass das Licht von oben kommt. Derselbe Schattenwurf markiert hier also keine Vertiefung, sondern eine Erhebung oder Wölbung, weil wir die abgebildeten Lichtverhältnisse falsch interpretieren. Einer britischen Studie aus dem Jahr 2010 zufolge können mehr als die Hälfte aller Vierjährigen solche Bilder nicht unterscheiden. Sie sehen abwechselnd eine Erhebung oder Vertiefung, weil sie die Richtung der Lichtquelle noch nicht abgespeichert haben.

Die Wahrnehmung des Menschen ist also weitaus komplexer als das bloße Abbilden der Außenwelt. Das Gesehene wird erkannt, zugeordnet und interpretiert. Kinder müssen diese Fähigkeiten erst erlernen. Sie müssen also viele Erfahrungswerte sammeln, bis das Sehvermögen dem eines Erwachsenen entspricht. Dies ist etwa im Alter von zwölf Jahren der Fall.

Augenerkrankungen im Alter

Kaum ist der optische Apparat voll entwickelt, setzen schon die ersten Verschleißerscheinungen ein. Besonders anfällig ist dabei die Fähigkeit des menschlichen Auges, sowohl nahe als auch ferne Objekte scharf sehen zu können – die sogenannte Akkomodation. An diesem Vorgang sind die Augenmuskeln und die Linse beteiligt. Mit zunehmendem Alter verliert die Linse allerdings an Elastizität, weshalb das Scharfstellen naher Objekte schwerer fällt. Die häufige Folge: Altersweitsichtigkeit. Dabei handelt es sich streng genommen nicht um eine Augenerkrankung im Alter, sondern um eine natürliche, altersbedingte Einschränkung der Sehkraft. Zu diesen natürlichen Abnutzungserscheinungen kommt im Alter ein erhöhtes Risiko für Augenkrankheiten hinzu. Zu den häufigsten zählen:

Weshalb diese Krankheiten vor allem im Alter auftreten, ist nicht auf einen bestimmten Auslöser zurückzuführen. Als Ursachen kommen in Betracht: Bluthochdruck, Diabetes, nachlassende Versorgung des Auges mit Nährstoffen und Schädigungen der Augenoberfläche durch Sonneneinstrahlung. Da der Verlauf dieser Krankheiten zumeist schleichend ist, empfehlen sich ab dem 40. Lebensjahr unabhängig vom allgemeinen Gesundheitszustand regelmäßige Kontrolluntersuchungen beim Augenarzt.

1 Stone, J.V. and O. Pascalis: “Footprints Sticking Out of the Sand (Part I): Children’s Perception of Naturalistic and Embossed Symbol Stimuli“, Perception, 39, pp. 1254-1260, 2010.